Dienstag, 13. Juni 2017


Die kleine Hester wird von ihren fanatischen Eltern im Haus eingesperrt. Die Außenwelt sieht sie nur durch die staubigen Fenster, wenn die Vorhänge gewaschen werden. Bis sie sich traut, den Türknauf der Hintertür zu drehen und ins Freie zu treten. Als sie dann auch noch, wider dem Willen ihrer Eltern, in die Schule gehen muss, betritt sie eine völlig neue Welt, die in ihr etwas wach ruft, was niemand mehr stoppen kann.

Sofie Laguna erzählt hier eindringlich und sehr bildlich die Geschichte eines völlig isolierten Kindes. Dabei begibt sie sich auf Hesters Ebene, spiegelt ihre kindliche Sicht auf die Dinge, die rings um dieses Mädchen geschehen, in poetischen Worten und allerhand Metaphern und Vergleichen wider. Gegenstände werden lebendig, reden mit Hester und sie schafft sich eine Art Traumwelt. Gleichzeitig landet der Leser in einer erschreckenden Welt von Einsamkeit, psychischer und körperlicher Gewalt. Und trotz dieser sensiblen Thematik schafft es die Autorin, durchweg unverblümt und direkt zu bleiben. So ist das Buch, trotz seiner wenigen Seiten, nicht sehr schnell weg gelesen, zieht den Leser aber dennoch vollkommen in seinen Bann.

So ist die Geschichte sehr spannend, obwohl sich gerade die ersten Seiten nur im Haus abspielen. Man erlebt Hesters Alltag mit ihren Eltern, die sie nur als Belastung ansehen, sie zum arbeiten anstellen und bei den kleinsten Verfehlungen, die noch nicht einmal welche sind, züchtigen. Als sie dann zur Schule geht, wird es immer interessanter. Man merkt, wie sich in Hester etwas regt, dass sie sich verändert und auch ihre Welt langsam anders wahrnimmt. Das alles hat mir sehr gut gefallen und ich konnte nicht anders, als weiter zu lesen, auch wenn es mir ab etwa der Hälfte des Romans ein bisschen zu undurchsichtig wurde. Irgendwann fiel es mir an manchen Stellen wirklich schwer, den Gedanken Hesters und ihren Wahnvorstellungen (ich würde es als solche bezeichnen) zu folgen. Was dann beinahe am Ende des Buches geschieht, ist unglaublich und schrecklich, jedoch irgendwie absehbar. Trotzdem blieb mir förmlich der Mund offen stehen und ich war sehr erschrocken, wenn ich es auch verstehen konnte. Umso glücklicher war ich dann über das endgültige Ende der Geschichte.

Was die Charaktere angeht, so hat es die Autorin hier geschafft, diese sehr realistisch und nachvollziehbar zu gestalten. Hester ist so unschuldig, entwickelt sich aber zu jemandem, den man zwar nicht greifen kann, aber dennoch verstehen. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und auch als Erwachsene wirkt sie durch alles, was ihr geschehen ist, noch immer sehr kindlich, allerdings auf eine Art und Weise, die genau zu ihrem Charakter passt. Was ihre Mutter angeht, so fand ich diese von Anfang an verabscheuungswürdig. Sie bringt den Beweis dafür, dass Glaube ohne Liebe nichts wert ist und alle Rationalität verloren geht. Hesters Vater tat mir anfangs noch eher leid, da ich dachte, er würde sie doch auf irgend eine Weise lieben, könnte sich aber nicht gegenüber der Mutter durchsetzen. Das änderte sich aber schnell, denn von Liebe kann hier keine Rede sein. Im Gegenteil versteckte sich hinter seinem Handeln nur noch mehr Schrecken. Richtig toll fand ich Mary, Hesters erste Freundin aus der Schule und Norma, ihre zweite, richtige Freundin, die sie später kennenlernt. Beide sind einzigartige Charaktere und einfach toll. Sie akzeptieren Hester so, wie sie ist und genau das braucht sie.

Ich hätte nie gedacht, dass mich "Lichterloh" so packen könnte und mir so unter die Haut geht. Es hat zwar für mich ein paar wirklich kleine Schwächen, aber das sollte niemanden davon abschrecken, es zur Hand zu nehmen. Denn es besticht mit einer solchen Intensität, dass man es nicht mehr weglegen mag.


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